Du musst dafür geboren sein.

“Du kannst diesen Beruf nur lernen, wenn du als Schauspieler geboren bist.” – Film Acting School Cologne

Dann bin ich hier ja goldrichtig. Ich wurde geboren, um Schauspielerin zu sein, da haben wir es doch.

Sesam öffne Dich

Zwei Monate bevor ich von der IHK mein Zeugnis zur erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung zur Medienkauffrau in den Händen halten durfte, stand ich nun zum Aufnahmecasting am ersten Samstag im April 2005 in der Werderstraße vor dem Haus der White House Studios, wo auch die Film Acting School Cologne ihren Sitz hatte. Ob ich nervös war? Nee das war ich nicht, denn ich wusste nicht mal, was an diesem Tag auf mich zukommen würde. Wenn ich allerdings gewusst hätte, was passiert oder passieren könnte, ich etwas vorbereiten hätte müssen, die Nervosität wäre die erste gewesen, die sich an diesem Tag gemeldet hätte.

Ich betrat also total gechillt die heiligen Hallen der FAS. So kürzt sich die Film Acting School Cologne ab und wurde herzlichst von der Schulleiterin in Empfang genommen. Sie war, groß, sehr schlank, blondes Haar und ist sicherlich noch, ein ganz liebevoller, offener, ehrlicher, sehr zerbrechlich wirkender Mensch und auf ihre ganz eigene Art und Weise ein liebenswertes Unikat. Toll, dachte ich, hier gehöre ich die nächsten Jahre hin. Hier möchte ich bleiben und sein.

Interessant war auch, ich erinnerte  mich plötzlich, bereits in diesem Gebäude gewesen zu sein. Habe ich von diesem Haus schonmal geträumt? Wie spooky wäre das denn? Aber woher… N-a-türlich, die White House Studios, mit denen kam ich während meiner Praktikumszeit für die RTL Produktion in Berührung, nur war die Schule damals noch nicht in den Räumlichkeiten. Sollte das also ein erstes Zeichen sein? Ich empfand es als solches und wünschte mir, diesen Tag mit einer positiven Nachricht, nämlich der Aufnahme in die FAS, beenden zu können.

Embryo, kleinGROß, Tier, Emotionen, die Feedback-Methode

Ich muss mich wirklich sehr anstrengen, um mich an den Tag der Aufnahmeprüfung zu erinnern. Hm, ich glaube, hierzu muss ich meine liebe Freundin Sandra anrufen. Wenn nicht sie, dann erinnert sich keiner mehr wirklich an diesen Tag. Die Aufnahmeprüfung, da waren Sandra und ich uns sicher, dauerte  vier bis sechs Stunden. Wir waren an meinem Tag der Aufnahmeprüfung circa acht SchauspielanwärterInnen, die in einem großen Raum saßen und warteten, bis es endlich los ging. Unser Telefonat läuft nebenbei, während ich noch eine…

… kleine Randnotiz tippe

Ich habe diesen Spleen, Taschenkalender aufzuheben, weil ich dort immer mal wieder reinschaue, um mich an vergangene Ereignisse zu erinnern. Siehe da, heute, elf Jahre und sechs Tage später, ist es sogar eine große Erinnerungstütze.

Am 02. April 2005 hatte ich notiert:

“Film Acting School Cologne!!! 14h00 – 18h00! YES!!! Papa zurück nach Bali!”

Kurz zum Raum

Stellt euch vor, Ihr betretet einen Raum, circa 30 Quadratmeter groß. Der Boden ist mit Stäbchenparkett bedeckt. Weiße Wände. Links an der Wand, von der Eingangstüre in der ihr nun gedanklich steht, ein kleines Fenster. Am einen Ende dieses großen Raums wieder ein Fenster, welches von einer von der Decke hängenden Leinwand für den Beamer leicht verdeckt war. An der rechten Seitenwand führt eine Wendeltreppe ins Dunkel. Diese Fenster sahen im übrigen eher wie Durchreichen aus, obwohl sie keine waren. Von der anderen Seite waren die Scheiben abgeklebt. Stellt euch diesen Raum einfach, wie ein großes Tonstudio, mit zwei Sichtfenstern zu jeweils dahinter liegenden Räumen vor.

Embryo, kleinGROß, Tier, Emotionen, die Feedback-Methode

Es standen blau-schwarze Seminarstühle vor mir, als ich den Raum betrat. Ich schnappte mir einen. Neben mich setzte sich Curly-Sue. Ich nenne sie so, weil sie so Löckchen hatte, wie eben einst Curly-Sue aus dem gleichnamigen Film. Es wurde gewartet, bis wir vollzählig waren. Ein Ehepaar und ein Asiate bildeten die Schulleitung. Die Schulleiterin hatte ich ja bereits beschrieben. Ihr Mann, war das komplette Gegenteil von ihr, eher finster von seinem Ausdruck, weißes Haar, groß, schlanke Statur, ganz in schwarz gekleidet, mit einem Sakko bis zu den Knien, das im Wind flatterte, wenn er einem auf dem Gang entgegen kam. Er verzog wirklich keine Miene. Mir fiel sofort sein Sprachfehler auf, er stotterte. Was ich persönlich nicht schlimm finde. Er war, genau wie sie, ein ganz besonderer Mensch, auf eben seine ganz eigene Art und Weise.

Verdammt, und den Asiaten kenne ich doch? Hat der mir nicht mal gebratenen Reis mit extra Erdnusssauce nach Hause gebracht?

Egal Karl, erst zuhören und mitmachen. Später habe ich sicherlich Zeit das Rätsel zu lösen. Sie begrüßten uns, stellten sich kurz vor bis dieser besagte Asiate erläuterte, was heute so abgehen würden.

Zappzarapp standen wir im Kreis und wärmten uns auf. Wir starteten mit ganz gewöhnlichen Aufwärmübungen. Dann wurde die Stimme aufgewärmt. Da lässt man dann lustige Laute von sich. Einer, in diesem Fall der asiatische Schulleiter, machte es vor und die SchauspielschüleranwärterInnen machten es brav nach. Nahtlos ging es auf den Boden, auf den wir uns legten, uns so klein wie nur möglich machten, dass Stadium des Embryos einnahmen. Mit dieser Übung schauten sie auf unsere Beweglichkeit und unser Vorstellungsvermögen, etwas zu sein, das wir mal waren und gar nie mehr sein können. Die Aufgabe war, vom Emryo bis hin zu dem was wir heute sind zu wachsen. Das musste jeder von uns darstellen. Dann sollten wir ein Tier sein. Ich meine mich zu erinnern, eine Katze dargestellt zu haben. Wenn ihr jetzt denkt, pillepalle. Probiert das zu Hause aus. Hier geht es wirklich um Details.

Ob man sich dabei blöd vor kommt? Vielleicht die ersten Sekunden, aber eigentlich nicht. Wirklich, denn du tust das ja, weil du es willst. Es sind Skills, die dir eine Schule – beziehungsweise der jeweilige Coach – mit auf den Weg gibt. Wo wir wieder bei Entscheidungen treffen sind, denn auch hier musst du entscheiden, was du glaubst, was für dich am wichtigsten ist, oder vielleicht noch in deiner Truhe gefehlt hat, um dich vollendet zu fühlen.

Dann kam es zu dieser FAS Feedback-Methode. Wir sollten uns zu zweit zusammen tun. Curly-Sue und ich bildeten ein Team, von vier. Jedes Team bekam eine Videokassette in die Hand gedrückt und dann wurden wir nacheinander in einen kleinen Raum gebeten. Wir waren die ersten und sollten uns auf die beiden Stühle setzen die dort schräg hintereinander auf einer kleinen Bühne standen. Ich saß vorne, Curly-Sue hinten. Was wir uns vorstellen sollten: Wir saßen in einem Taxi, ich war die Fahrerin und sie mein Fahrgast. Leider erinnere ich mich nicht mehr, was noch vorgegeben war. Wir hatten genau eine oder eineinhalb Minuten Zeit, etwas von uns und unserem Talent zu zeigen.

Hier hatte ich Curly-Sue sprichwörtlich an die Wand gespielt. Ich spürte es in den ersten Sekunden und freute mich innerlich richtig, der Punkt ging auf jeden Fall an mich. Sie wusste auch, dass sie hier eher versagt hatte. Lag sie mir damit nämlich fortan an diesem Tag in den Ohren. Ziemlich anstrengend, ich konnte ihr ja nicht sagen, stimmt genau, das finde ich auch.

Nachdem wir  aus dem winzig kleinen Raum wieder raus waren, gingen die nächsten rein und wir blieben im Vorraum, wo auch eine Bühne war. Es standen vier kleine Tische mit vier kleinen Röhrenfernsehern, Videorekorder und Kopfhörer auf der Bühne. Wir sollten uns an einen solchen Tisch setzen und anschauen, was wir gespielt hatten, und uns das genau einprägen, denn das mussten wir 1:1 beim zweiten Mal wiedergeben in Wort, Kontinuität und Bewegung. Beim dritten Mal wurden die Rollen gewechselt und das vierte Mal war dann auch wieder eine 1:1 Kopie der vorher gespielten Szene.

Warten, Kaffee trinken, warten, in der Sonne sitzen, warten und rauchen

Oh, übrigens habe ich schon lange den Hörer wieder aufgelegt und erzähle aus meiner eigenen Erinnerung weiter, falls es jemand von euch komisch finden sollte, dass Sandra auf einmal nicht mehr in meiner Erzählung vorkommt.

Als wir mit allem durch waren, bat man uns, draussen im Flur zu warten, bis jeder einzeln aufgerufen wird. Es dauerte gefühlt eine Ewigkeit, bevor sie überhaupt anfingen, einen nach dem anderen in den Wintergarten reinzurufen. Ich nenne diesen Raum so, weil er in meiner Erinnerung komplett verglast war. Woran ich mich noch sehr gut erinnere, dass es ein wunderschöner Frühlingstag war und ich die ganze Zeit vor der FAS Eingangstüre mit den anderen Bewerbern gesessen hatte, Kaffee trank und Zigaretten rauchte.

Dann ging es endlich los. Schwups meldete sich auch Frau Nervosität. Auch, wenn ich Curly-Sue an die Wand gespielt hatte, ich war mir auf einmal sehr unsicher, was mein können betrifft. “Jemanden an die Wand spielen” bedeutet beim Film, wenn einer oder eine der beiden ProtagonistenINNEN stärker in seiner Darstellung war. Wie dem auch sei. Ich war mir auf einmal nicht mehr so sicher, ob der heutige Tage für die Aufnahme in die Schule gereicht hatte.

Curly-Sue war auf jeden Fall vor mir reingerufen worden. Als sie raus kam, grinste sie über beide Ohren. In diesem Augenblick dachte ich, also, wenn sie sich für dich entschieden haben, können sie sich immer noch gegen mich entscheiden. Oh man. Während ich so vor mich hin dachte, lief sie kreischend über den Flur auf mich zu “Sie haben mich genommen”. Sie flippte auf eine ganz unangenehme Weise aus, vor Freude.

Ich hingegen musste immer noch warten und mittlerweile hatte ich angefangen, Kette zu rauchen ohne es zu bemerken. Ich weiß gar nicht mehr, was mir alles durch den Kopf ging. Vor allem, was habe ich in der Zeit wohl alles gemacht, ausser in der Sonne zu sitzen, Kaffee zu trinken, zu rauchen und…

… das Rätsel zu lösen.

Der Asiate hat sich letztes Jahr als Schauspieler bei mir beworben. Daher kenne ich ihn. BadaBÄNG! Krass. Abgefahren. Ich dreh durch. Wenn der das wüsste, mon dieu. Die Welt ist so klein… Man läuft sich im Leben irgendwie immer zweimal über den Weg.

Alexia, du bist die Nächste…

…und auch die letzte, die hier noch sitzt. Ach nee, dass Mädel mit der ich zusammen den Tag quasi verbracht hatte, wartete noch auf mich. Wie nett von ihr, denke ich im Nachhinein. Obwohl wir überhaupt nicht auf einer Wellenlänge waren und ich so gemeine Dinge über Sie dachte. Wie auch immer, so wurde endlich auch ich reingerufen. Da saßen wir nun zu viert an einem Tisch. Die drei Schulleiter und ich. Erst schauten wir uns schweigend an. Gefühlt eine Ewigkeit. Ich glaube, sie haben mich dann gefragt, wie ich meine Leistung bewerten würde. Und dann hat einer von Ihnen, der Asiate nämlich angefangen mir ihre Entscheidung kund zu tun.

“Alexia, wir finden, dass du sehr telegen bist.” Oh, wie schön. ‚Was ist das?‘, dachte ich. Aaah… ich war so nervös. Innerlich schrie ich: “Bitte, bitte nehmt mich. Bitte, bitte nehmt mich!” Er fuhr fort, „wir sehen Potenzial in dir. Du warst bei der FAS Feedback-Methode sehr stark.“ Ujuju… Das ging runter wie Öl. „Aber.“ Oh no. Aber, was? „Aber du musst an deiner Körperlichkeit arbeiten. Atmung und Stimme trainieren…“ Lange Pause… Noch längere Pause… Bei The Voice Of Germany würde jetzt die Werbeunterbrechung laufen.

Nein, das haben die dir auch gesagt? 

“Wir haben in dir einen Rohdiamanten entdeckt. Herzlich Willkommen in der Schauspielschule.” W-a-a-as das haben die zu dir auch gesagt? Am Ende unseres Telefonats fanden Sandra und ich nämlich, nach elf Jahren heraus, dass Sie das zu uns beiden und wahrscheinlich allen anderen auch, die in diesem Schuljahr 2005 aufgenommen wurden, gesagt haben. Ob sie Curly-Sue das auch gesagt haben? Wir werden es nie erfahren.

Am Ende Des Tages

Ist es unendlich schön an diese Zeit zurück zu denken, denn die Schauspielschule hat mich sehr geprägt und war etwas ganz besonderes. Unter anderem habe ich dort vier für mich sehr wichtige Menschen kennengelernt. Unsere Freundschaft ist etwas ganz besonderes. Denn wir haben uns auf eine Art kennengelernt, wie man im Leben nur den besten und ältesten Freunden im Leben begegnet. Ich werde euch in den kommenden Kolumnen auch erzählen, wieso das so ist. Ich habe mich in dieser Zeit intensivst mit mir beschäftigt. Mich in alle Richtungen ausprobieren und entfalten können. Sei es körperlich, stimmlich und emotional. Heute kann ich, wenn ich will einen Raum betreten and all eyes on me.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.