Stuhlentspannung

Morgens früh halb … Nachmittags halb drei in Köln

Boah, nä, schon wieder ’ne Woche bei Joachim. Was wird er sich wohl diesmal ausgedacht haben? Warum auch immer, Unterrichtstage bei Joachim waren Tage mit Ups and Downs. Ich kann gar nicht mehr wirklich definieren, warum das so war? Joachim war nicht sehr groß. Hager. Von seiner Körperlichkeit ein wenig wie ein Pingpong. Er trug Dreitagebart. Hatte einen bayrischen Dialekt. Eigentlich ein netter Kerl. Nur sein Unterricht war hin und wieder eigen.

Joachim hieß uns an einem Montag herzlich willkommen und gab folgende Arbeitsanweisung: “Verteilt euch bitte mit Stühlen großzügig im Raum, so dass ihr genug Platz habt, euch zu bewegen. Wir machen heute eine Stuhlentspannung.”

Eine was? Oh no, war es etwa…? Bitte nicht! Heute bin ich gar nicht in Stimmung für so eine Quälerei. Ich wusste von dem Jahrgang über uns, dass diese Aufgabe, vielmehr Übung, nicht ohne sei und sie mit Joachim damals zwei Stunden verbracht hatten, sich auf einem Stuhl zu entspannen. Z-w-e-i Stunden. Wisst ihr wie lange z-w-e-i Stunden sind, wenn man etwas machen soll, wo man sich von vornherein gegen sträubt?


Stuhl(ver)entspannung

Und während Joachim erklärte, was wir auf dem Stuhl so alles treiben dürfen und was nicht, bekam ich immer mehr Beklemmungen. Wieso eigentlich? Lass‘ ich mich doch eigentlich immer gerne auf Dinge ein, die ich nicht kenne. Hier machte ich allerdings alle Schotten von vornherein dicht.

Was beachtet werden sollte

Wichtig ist, dass ihr bei jedem Körperteil nach ein und dem selben Muster vorgeht. Erstens, spannt die jeweilige Muskulatur an! Zweitens, haltet die Spannung für circa fünf Sekunden und löst sie dann wieder! Drittens, bewegt das Körperteil mit all seinen einzelnen Fasern auf verschiedene Weise! Das Bewusstsein soll geweckt werden. Viertens, untersucht die Körperteile auf Verspannungen und stellt euch dabei Fragen, wie:

Wo genau kommt diese Anspannung her? Bis wohin strahlt diese Verspannung?

Wie warm ist es an dieser Stelle? Wie weit kann ich die Anspannung lösen?

Welche Bewegung hilft mir am besten? Merkst du, dass emotional etwas passiert, lass‘ es fließen und gib einen langen Ton ab! Nutzt den Ton beim Ausatmen um die Verspannung zu lösen!

Stuhlverspannung, weiter gehts

Ja gut, hört sich alles nicht wahnsinnig kompliziert an. Und ich meine, hey, wir können jetzt erstmal ’ne Runde auf unserm Stuhl mit geschlossen Augen abhängen und ab und an mal „A“ machen. So, dachte ich, könnte ich drumherum kommen.

Tja, aber da hatte ich die Rechnung ohne denWirt gemacht, denn Joachim sprach aus, was keiner im Entferntesten geahnt hätte. Warum habe ich eigentlich nachgefragt? Warum nur? Was ich gefragt habe? Na ja, was wohl jeder gefragt hätte, wenn ich nicht vorgeprescht wäre: “Du, Joachim, wie lange sollen wir diese Verspannung… äh… Entspannung denn machen?” Solange bis ich euch sage, dass ihr nun zum Ende kommen könnt. “Ah, okay. Danke fürs Gespräch.” Da wollte ich schon den ersten Ton ablassen. Tat ich ein paar Minuten später auch. ‚So ein blöder Fatzke‘, dachte ich. Fängt ja gut an.

Eineinhalb Stunden ab jetzt

Da saßen wir nun alle und blinzelten hin und wieder mit den Äuglein, um zu schauen, was die anderen so machten. Irgendwann ließ ich mich wirklich darauf ein, auf die Stuhlentspannung. Joachim gab hin und wieder Anmerkungen, wie: “Du bewegst dich zu schnell. Du musst dem Reflex nachgehen. Nein, nicht einfach dies und nicht einfach jenes…” Innerlich wurde ich immer wütender und gab wirklich in immer kürzer werdenden Abständen einen Ton ab. Was eigentlich nicht Teil der Übung ist, denn du sollst Verspannungen lösen, sie nicht erzeugen. Ich fand es unfair, wenn er mich ansprach, um mir zu sagen, dass ich nicht im Fluss bin. Dann massierte er mit einem sehr unangenehmen Druck, nämlich leicht schmerzhaft, obwohl ich nicht zimperlich bin, meine Schultern. Ich gab mir doch so viel Mühe, wirklich mitzumachen, vor allem ab dem Zeitpunkt, als ich entschied, mich auf diese Übung wirklich einzulassen.

Eine mittelgroße Katastrophe 

Plötzlich ein immer lauter werdendes… nein… Schnarchen. Knaller! Ich musste so lachen. Kennt ihr das? Bestimmt. Jeder war doch schonmal in der Situation, einen Lachanfall im unpassendsten Moment zu bekommen. Wie dem auch sei, ich sah es als Emotion, die über mich hereinkam, gab einen Ton ab, und als der Lachanfall überwunden war, die nächste Katastrophe. Ein dumpfer Knall. Der Boden neben mir bebte kurz. Es war tatsächlich jemand vom Stuhl gefallen. Vom Stuhl gefallen? Abgefahren, was wird noch passieren? Gehört das so? Die Stimmung kippte, Joachim unterbrach sofort die Übung und schickte uns in die Pause.

Ich war voller Wut und wusste nicht wohin mit der ganzen negativen Emotion. Ich kam einfach nicht wieder aus der Übung raus. Es stresste mich, denn nicht einmal die kalte frische Luft draußen half mir, wieder runter zu kommen. Mein inneres Gleichgewicht war komplett neben der Spur. Der Tag war somit gelaufen.

Nach der Pause, ist vor der Pause

“Es geht weiter”, rief jemand. Boah hoffentlich… Joachim unterbrach meinen Gedankengang. “So, was genau war hier los?” Keiner sagte etwas. Joachim war sauer. Übrigens war es meine Freundin Sandra, die vom Stuhl gefallen war, hatte ich das erwähnt? Joachim fragte sie, wieso, weshalb und warum? Ich glaube, Sandra war sich selber nicht ganz im klaren darüber, wie es dazu kommen konnte. Fakt war, sie war wirklich vom Stuhl gefallen. Kann doch mal passieren, Gleichgewicht verloren, BadaBÄNG, liegst du halt da unten. So what?

In meiner Erinnerung war der Tag wirklich für alle gelaufen und wir beendeten frühzeitig den Unterricht, glaube ich. Viel wahrscheinlicher ist wohl, dass wir trotzdem noch bis 20 Uhr in der Schule gesessen hatten.

Zu Hause angekommen, googelte ich erstmal diese Stuhlverspannung, und siehe da, es war keine von Joachim ausgedachte Entspannungsübung. Lee Strasberg war der Übeltäter. Umso mehr ich mich in die Thematik einlas, umso mehr verstand ich, was Sinn und Zweck dieser Übung war und ist.

Am Ende des Tages…

…wusste ich letzte Woche bereits, dass ich über dieses Thema schreiben werde und habe doch glatt diese Übung noch mal angewendet. Ich habe mir einen Timer auf 30 Minuten gestellt. Die Zeit ging schneller rum als ich geglaubt hätte. Ich musste mich am Anfang wieder dazu durchringen, denn manchmal fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, wenn ich nicht unbedingt muss. Ich habe einfach die Zähne zusammengebissen und mich dieser Aufgabe noch mal gestellt. Und siehe da, ich war danach sehr entspannt und durchlässig, zumindest fühlte es sich so an.

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