Über den Wolken

Von TXL nach DUS

Ich bin in meinem Leben schon viel geflogen. Eine Zeit lang sogar vier bis sechs Mal im Monat, meist Kurzstrecken, aber auch einige Langstreckenflüge kann ich aufzählen. Doch das was mir am Dienstag Nachmittag passiert ist, hat alles über den Wolken erlebte getoppt. Oft habe ich, wenn ich im Flieger saß, darüber nachgedacht, dass ich Gott sei Dank verschont geblieben bin, was Katastrophenflüge angeht. Also hier und da mal ein paar kleinere Turbulenzen, die aber wirklich Kindergarten waren, im Gegensatz zu den Geschichten, die ich von Bekannten hören durfte.

Ich flog am Dienstag Nachmittag mit Minime von Berlin nach Düsseldorf. In Berlin war das Wetter einfach Bombe, so wie es in den letzten Wochen generell war, im Vergleich zum Rest von Deutschland. Ich hatte auch gar nicht geschaut, wie das Wetter bei meinen Eltern in NRW aussieht, wahrscheinlich war das auch ganz gut so, dass ich dazu nicht mehr gekommen bin, sonst hätte ich mir vorher wahrscheinlich schon ins Hemd gemacht.

On time

Alles lief reibungslos. Eingecheckt waren wir bereits, so dass wir nur noch zum Drop-Off Schalter mussten. Dann ab durch die Sicherheitskontrolle, für meinen Sohn mittlerweile Routine, denn es war bereits sein x-ter Flug innerhalb der letzten sechs Monate. Frequent Traveler, ich sag’s euch. Einer der Flugbegleiter gab mir eine Karte zum ausfüllen, für eine Top Bonus Karte, die ich bereits besitze, aber mein kleiner Hase nicht. So habe ich einfach mal eine für ihn beantragt. Hihi, stand nirgends geschrieben, dass man dafür 18 Jahre alt sein muss, und mit Unterstützung meiner Wenigkeit hat Minime sogar eine Unterschrift drunter gesetzt. Voll geschäftsfähig, der Hase.

Rein ins Vergnügen

Wie dem auch sei, nach der Sicherheitskontrolle blieben uns noch locker 40 Minuten, die wir mit krabbeln, laufen, fremde Menschen anfassen und anlächeln rumbekamen. Dann ging es rein in den Flieger. Vor einigen Jahren habe ich mir angewöhnt, bevor ich das Flugzeug betrete, zwei Mal mit der rechten Hand die Maschine zu begrüßen, oder sagen wir anzuklopfen. Mein eigens kreierter Aberglaube, denn einmal habe ich es vergessen und habe mich wirklich wieder rausgeschummelt, um es schnell noch vor Abflug nachzuholen. Die Flugbegleiterinnen fanden es damals sehr amüsant.

Minime und ich hätten eigentlich in Reihe 20 auf Platz A unseren Sitzplatz einnehmen müssen, doch die Reihe war laut System voll und ich finde es mit Kind auf dem Schoß immer angenehmer, wenn wenigstens der Platz in der Mitte frei bleibt. Ich bat also die Flugbegleiterin beim Einstieg kurz in das Protokoll zu schauen, wo denn eine solche Reihe frei wäre.

Da schaltete sich der Teamleiter ein und meinte in Reihe fünf könnte ich Platz nehmen. Super Sache, gesagt getan.

Am Fenster saß ein Herr, der dann allerdings weichen musste und eine Reihe vorrücken durfte, weil ich meinen MaxiCosi dabei hatte, der nicht unter den Vordersitz passt und aufgrund von Fluchtwegen musste dieser also am Fenster angeschnallt werden.

Meinetwegen, um so besser, haben die kleine Muckimaus und ich eben eine Reihe für uns. Eine Dame stieg in die Maschine ein und meinte zu ihrem Bekannten, als sie an uns vorbei gingen, “Ich habe heute schon den ganzen Tag ein mulmiges Gefühl”.

Na super, danke das du das so laut gesagt hast, dass ich, die ein wenig Flugangst hat, direkt auch ein komisches Gefühl in der Magengrube bekommt. Denn gesetzt den Fall, heute ist tatsächlich ihr Tag X, sich vom Leben zu verabschieden und ich sitze mit im Boot, obwohl es für mich noch nicht soweit ist, habt ihr darüber schon mal nachgedacht? Gruselig, wenn man bedenkt, wie oft man mit großen Menschenmengen irgendwo ist und vielleicht ist immer irgendwer dabei… Jut, hören wir auf mit den Schauermärchen.

Los geht’s…

…dachte ich mir und dann kam vom Cockpit die Durchsage: “Warum auch immer, man hat vergessen, uns ans Rollfeld zu fahren. Ich bedauere die Verzögerung, melde mich, sollte es gleich weitergehen, wieder.” Da gingen bei mir die nächsten Alarmglocken an. Oh je, was wenn das alles irgendwelche Vorzeichen sind, denn Fakt ist, wären wir pünktlich rausgekommen, bin ich sicher, dass das, was während des Fluges passiert ist, nicht passiert wäre.

Wir verließen Berlin also mit einer Verspätung von 20 Minuten bei schönstem Wetter.

Die Zeit im Flieger, 30 von 50 Minuten, verging wie im Fluge. Wie ihr merkt, war bis dahin auch nichts Ungewöhnliches zu verbuchen.

Dann kam die Durchsage aus dem Cockpit, dass wir uns in den Landeanflug begeben würden. Supi, dachte ich, dann sind wir ja gleich da. Ich hatte derweil einen kleinen Zappelphilipp auf dem Schoß und musste etwas Animationsprogramm auffahren. Das Baby wurde ruhiger und ich schaute aus dem Fenster. Ihr müsst euch das so vorstellen: Ich saß auf dem mittleren Platz der Sitzreihe fünf und schaute also aus dem Fenster, als das Unglaubliche geschah – und mir bleibt noch immer das Herz stehen, wenn ich nur daran denke.

BadaBÄNG

Plötzlich schlug genau zwischen Reihe fünf und vier der Blitz ein. Die Wolken waren beige gefärbt und unverhofft traf uns der Blitz. Dieser laute Knall und ich war schockgefroren, wie die Reihen vor mir auf der linken Seite auch. Ich fing an, am ganzen Körper zu zittern, schaute zu den Flugbegleitern, die sich nicht rührten. Vor mir die Fluggäste waren auch nervös, sagten kaum was oder unterhielten sich über das gerade Geschehene, um über die Nervosität hinweg zu kommen. Einer schaute auch nach hinten. Außer uns scheint keiner davon etwas mitbekommen zu haben. Es kam nicht mal eine Durchsage aus dem Cockpit, dass man sich keine Sorgen machen soll, denn in einem Flugzeug sitzt man in einem Faradayschen Käfig und der Blitz kann einem somit nichts tun, so später ein Pilot zu mir.

trois petite marionette

Ich sang bis zur Landung konstant ein und die gleiche Strophe eines französischen Kinderliedes. Draußen tobte das Unwetter über Düsseldorf und Umgebung, bevor es aber richtig los ging, war die Maschine bereits gelandet und ich dankte dem Herren, dass nichts weiter passiert ist.

Auf dem Weg zum Gepäckband fragte ich einen Piloten, der mit uns als Fluggast in der Maschine saß, und ihr werdet es nicht glauben, er hat überhaupt nichts davon mitbekommen. Er meinte sogar: “Sind sie sicher?” Alter, willste mich verarschen, dachte ich kurz. “Eigentlich hört man einen lauten Knall”, kam noch hinterher. Ja, den haben wir hinten auch mitbekommen. Ich glaube er selbst hat vielleicht noch nie einen Blitzeinschlag erlebt, sonst hätte er mir sicherlich mehr sagen können, als mich erstaunt durch seine Sonnenbrille anzuschauen.

Boden unter den Füßen 

Als ich bei meinem Vater im Auto saß, schaute ich natürlich direkt, was Schwester Google zu sagen hat, und es kann Gott sei Dank wirklich nichts passieren, wenn der Blitz einschlägt. Allerdings ist es auch wie ein 6er im Lotto, wenn ein Flugzeug von einem Blitz getroffen wird beziehungsweise als Passagier so etwas zu erleben. Hm, der 6er im Samstags-Lotto wäre mir in diesem Fall wirklich lieber gewesen. Oder habt ihr so was auch schonmal erlebt?

Am Ende des Tages…

…hörte ich für zwanzig Minuten mein letztes Stündlein schlagen. Denn dadurch, dass keine Durchsage vom Cockpit kam, war es für mich, als hätten die gerade andere Probleme als die Fluggäste zu beruhigen. Ich achtete auf die kleinsten Geräusche. Mein Sohn schlief während dessen auf meinem Schoß ein und ich dachte mir, wenn uns was passieren sollte, sind wir wenigstens nicht getrennt voneinander. Solche Gedanken hat man sicherlich nur als Eltern. Ich hielt mein Kind ganz fest in meinen Armen und war froh, es bei mir zu haben und als wir endlich wieder aus dem Flugzeug raus waren, war mein erster Gedanke: KAFFEE.

geschrieben am 10. Juni 2016 für Badabäng

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