Verkehrte Welt

Gedanken eines Hin- und Rückfluges

Heute früh um sechs frage ich mich am Prager Flughafen wartend: Was ist bloß los mit der Menschheit? Die Welt scheint mir 2016 ganz schön Kopf zu stehen. Knallen nun nacheinander bei den psychisch Labilen bis hin zu den radikalen Selbstmördern die Sicherungen durch? Kann man es auch einen Virus nennen, der von einem Gehirn zum nächsten zwischen die Synapsen scheißt? Höchst ansteckend anscheinend, wenn man dafür empfänglich ist.

Warum ich am Prager Flughafen dieser Tage war? Weil ich meinen letzten Drehtag für den Independent Film, von dem ich euch in einer meiner vorherigen Kolumnen erzählte, hatte. Der Hin- und Rückflug waren für mich alten Flugschisser wieder mal ein krasses Erlebnis. Propeller hier, und da und Flugapparate, die aussahen wie kleine alte tschechische Bomber. Zwei Sitzreihen à 13 Sitzplätze. Oh Graus.

Ugliest word of the year!

Ja ich weiß, Terror gab es schon immer. Aber in dieser Form, wie er heute ganz nah bei uns allen ist, eher nicht, oder doch? Amoklaufende Menschen, oder diese Sorte, die sich in 1000 Stücke mit einem Haufen anderer Menschen in die Luft sprengen. Da gehe ich doch vorhin noch an einem weißen, geparkten LKW vorbei und muss sofort an Nizza denken. Wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Saß ich doch auf dem Hinflug nach Prag neben einem Russen, der mir ein Video vom 14. Juli auf der Promenade des Anglais zeigte, wo er mit Frau und Tochter war, und nur, weil die Kleine so müde wurde, sind sie zurück ins Hotel. Er sagte, sonst wäre in dieser Nacht vielleicht alles ganz anders gekommen. Hühnernoppen all over my Body, ich sag’s euch.

Terror! Sender rauf, Sender runter. Für die Nachrichtensender scheint nichts wichtiger zu sein als Schießereien, Ermordungen im eigenen Land und in den angrenzenden Nachbarländern Deutschlands, aktuell Frankreich. Stellen wir uns mal gemeinsam folgende Frage: “Ihr wisst schon, dass dieser Zustand von Angst, Ermordungen, radikaler Selbstmörder etc.… täglich in Syrien, im Libanon, und sonst wo auf der Agenda ganz oben stehen, oder? Das die Nachrichtensender das Thema dann so ausschlachten, genau das wollen doch die ganzen Behindis. Anscheinend ist es schon so normal geworden, dass es sich darüber gar nicht mehr zu berichten lohnt, zumindest nicht in der Intensität, wie es derzeit im westlichen Teil Europas der Fall ist? Hier scheint es etwas ganz Neues zu sein. Ist es ja auch. Wenn man so will, leben wir hier alle seit über 50 Jahren in Frieden.

Wenn ich ehrlich sein soll, ich kann es nicht mehr hören. Geschweige denn ertragen. Dieses Wort Terror ist zum all time Unwort ever geworden. Ich stelle mir erneut eine Frage: “Sind diese Behindis wohl alle aus der selben mir unbekannten Anstalt geflohen und machen jetzt, einer nach dem anderen, Ärger?” Ob die Kekse dort wohl nicht schmecken?

Laber- Rhabarber

Und viele werden sich jetzt denken: “Na hör doch auf, darüber zu schreiben oder überhaupt nachzudenken. Das ist doch genau das Bakterium, mit dem uns diese Spinner alle infizieren wollen.” Ich weiß, ich weiß. Doch ich bin nun mal Mutter und mache mir Sorgen um meinen Nachwuchs. In was für eine Welt habe ich ihn geboren? Verdammt, haben das Mütter vor uns schon gedacht? Was denken sich Mütter, die in Krisengebieten Kinder bekommen? Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Was müssen die wohl emotional durchmachen? Oh mann, wir Menschen sind grausame, ekelhafte Gestalten. Nicht alle, aber viele.

Heute früh sitze ich am Flughafen-Gate in Prag und warte, dass das Boarding beginnt und hoffe die ganze Zeit, heile wieder zu Hause bei meinem Sohn anzukommen, um ihn in meine Arme schließen zu können, zu knuddeln und ihn mit unendlich vielen Küsschen zu begrüßen. Ich beobachte die Menschen um mich herum ganz genau. Ertappe mich, wie ich manche gedankenverloren anglotze. Dieses Abchecken von öffentlichen Plätzen hatte ich früher nicht. Da war ich frei, musste nur an mich denken.

Am heimtückischsten, wie ich finde, sind diese selbst radikalisierten Seelen in Not. Wie sollen SEK, BKA, BND und wie die Agenturen noch alle heißen, die für die Sicherheit in unserem Land zuständig sind, auf deren Spur kommen? Wie denn nur? Ohne uns Bürger eines jeden Landes, einer jeden Stadt, eines jeden Dorfes? Wir alle sind nun gefragt, mit offenen Augen und Ohren durch unser Leben zu gehen. Nicht mehr einfach nur wegschauen, sondern handeln, wenn uns was nicht koscher vorkommt. Lieber einmal zu viel als zu wenig. Damit meine ich, nicht ins offene Messer zu laufen…

Verreisen? Nein danke!

Ich liebe Flughäfen. Sie haben für mich eine ganz bestimmte Ausstrahlung auf mein Wohlbefinden. Woher das rührt, kann ich nicht einmal sagen. Es war allerdings schon immer so. Vielleicht ist es das Multikulturelle an diesen Orten. Die Gemütlichkeit, die zumindest die meisten Flughäfen anbieten mit all ihren special areas. Die langen Gänge mit oder ohne Laufbänder, die Shoppingangebote, die zwischenmenschlichen Geschichten, die man dort erleben kann. Ganz besonders fällt mir dazu im Lufthansa Terminal am Münchener Flughafen der Abholbereich ein. Er ist wahnsinnig überschaubar, oft sehr voll, und ich könnte Stunden dort verweilen und zuschauen, wie Menschen durch die gläsernen Türen heraus in den öffentlichen Bereich schreiten. Denn jeder, wirklich jeder wird auf unterschiedlichste Art und Weise empfangen.

Viele meiner Freunde überlegen zur Zeit zweimal, wie sie dieses Jahr noch wohin reisen. Holland ist bei den meisten ganz vorne. “Da ist ja auch noch nichts passiert.” Verreist wird mit dem Pkw, „weil das ja um Längen sicherer ist“. So die Aussagen meiner Freunde. Selbst den 11.11. in Kölle möchte man in diesem Jahr eher meiden, beziehungsweise spontan entscheiden, ob man sich dort einfinden wird. “Mal abwarten, was die nächsten Monate so los sein wird.” Ja, hoffentlich nicht mehr viel in Richtung Menschenmassen Vernichtungsprogramm.

Am Ende des Tages…

… denke ich: “Ist es wirklich nötig?” Also, ich mache mir solche Gedanken nicht wirklich, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich durch einen terroristischen Anschlag ums Leben komme, ist wahnsinnig niedrig. Fast schon so sicher wie ein Sechser im Lotto. Findet Ihr, ich sehe es zu locker? Ich möchte mich nicht von den Spinnern mit diesem Bakterium infizieren lassen. Natürlich habe ich auch diese Gedanken, wenn ich etwas buche oder mich auf großen Flächen, mit vielen Menschen bewege. Aber mal ganz ehrlich, ich lebe nur dieses eine Leben und möchte es nicht nur im Umkreis von fünf Kilometern um mein Wohnhaus leben, oder? Passt auf euch auf und haut auf die Kacke. Verkehrte Welt? Nicht mit mir.

geschrieben am 12. August 2016 für BadaBäng

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