Aber, Du hast ein Kind!

Meistens, wenn das Wochenende greifbar nahe ist, die Großstadt sich von dem Stress der Woche an Freitagabenden in den Chillout-Modus runter fährt, wenn auch noch der Winter sich zum langersehnten Frühling entpuppt, die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen deine blasse Haut kitzeln und zum blühen erwecken, ja genau in diesen Momenten vermisse ich mein altes Leben. Das alte Leben, wie Katzen durch die vom Mond erleuchteten Gassen Berlins zu streunen, sich am nächst besten Späti eine Flasche Bier zu kaufen, irgendwo gechillt mit Freunden hinzufläzen, weil man’s kann und gemütlich den Abend ausklingen zu… -Schnitt-

Freundin: Was?! Du bist schon wieder krank? Ich: Nein, immer noch. Freundin: Freundin, wir können unser Treffen auch gerne verschieben, wenn es dir nicht gut geht? Ich: Nein!! Wir sehen uns!

Ich muss dazu sagen, wir haben bestimmt einen Monat hin und her geschrieben, um diesen Abend für uns zu verbuchen. Mal kam bei meiner Freundin was dazwischen, dann bei mir, dann wieder bei mir, wieder bei mir und fast wieder wäre dieses Treffen wegen mir ins Wasser gefallen. Krankheitsbedingt versteht sich, natürlich. Betroffen entweder Mr. Sweetface oder eben meine Wenigkeit. Grr. Mich gibt es eben nur noch ganz oder gar nicht, seitdem ich Single-Mom bin. Denn einfach so mit Freunden treffen, muss bei mir IMMER krass organisiert sein. Können die Babysitter nicht, tja dann kann ich leider auch nicht. Letzten Monat hat der Babysitter fast 300€ von mir bekommen, damit ich mal ein wenig leben kann, so viel zum Thema allein erziehend, ohne Familie im näheren Umfeld. Kostet ’n Arsch voll Geld, aber dazu beim nächsten Mal mehr.

Da sitzen wir nun, bei meinem neu entdeckten fancy-pancy Sushi Restaurant in Charlottenburg und freuen uns wie zwei debile Grinse-Katzen, uns endlich wieder zu sehen. Als wir so vor dem Running Sushi saßen und ohne Punkt und Komma quatschten, als ob es kein morgen gäbe und zudem die Menü-Karte in der Hand sehr stiefmütterlich behandelt wurde, ja bis dann der Kellner zum dritten Mal hinter uns stand uns aus unserer eigens um uns herum kreierten Blase holte und salopp fragte: „Was darf es denn nun (endlich, er wollte eigentlich endlich noch dazu sagen) zu trinken sein?“

Tja und dann, nach dem wir 10 Minuten später bereits das erste Glas Aperol-Spritz intus hatten, fing die Schnitte an mir die wohl unglaublichste Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Fast fielen mir die Augen aus dem Kopf, sie schmerzten zumindest, weil ich aus dem Staunen nicht mehr heraus kam und Blinzeln kurz mal für ne gefühlte Stunde on hold gestellt war. Mann, haben wir uns lange nicht gesehen, dachte ich so nebenbei. Dann ging sie in ihrer sowieso schon unglaublichen Geschichte über zum letzten Burning ManBurning Man, flüsterte meine innere Stimme ihr zaghaft nach… Burning Man…

Und plötzlich war sie wieder da, diese Sehnsucht. Dieses Gefühl nach dieser Vogel-gleichen Freiheit – als die Schnitte von den Ereignissen der letzten drei Monate erzählte, von denen sie mir im Übrigen nicht erzählen müsste, wenn ich nicht vor zwei Jahren Mutter geworden wäre, denn dann wäre ich bei all dem live on stage gewesen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe mein Kind über alles und er ist wirklich das Beste was mir in meinem Leben passieren konnte, dass kann ich nicht oft genug sagen. Trotzdem ist diese Sehnsucht, tun und lassen zu können, wann, wie und wo man es möchte einfach immer wieder Präsent. Kennt ihr das auch? Als die Freundin fast zum Ende ihrer Mega-Story kam und nach meiner Meinung lächtste füllten sich meine Augen mit mehr Tränenflüssigkeit als die Norm ist und ich sprach aus, was ich in der Form sonst nur zu mir flüstere, wenn ich mal wieder schluchzend alleine auf dem Sofa hocke, weil es wieder einer dieser Tage war… „Es ist so hart, so verdammt hart, Mutter zu sein. Alleinerziehende Mutter. Anders kenne ich es ja nicht.“

„Schatz, aber du hast ein Kind! Ein ganz wundervolles zudem noch.“ In diesem Augenblick als meine Freundin mir das sagte, wurden mir zum ersten Mal zwei Dinge sehr bewusst. Erstens: sie ist nicht die einzige und auch nicht die erste Freundin in meinem Freundeskreis, die noch ohne Kind ist, die mir …“aber du hast ein Kind!“ in meiner Anwesenheit ausspricht und zweitens: Es ist gar nicht mein altes Leben das ich mir so sehr zurück wünsche, es ist viel mehr die Freiheit zu haben mich wieder als Frau zu spüren, durchatmen zu können und energie zu tanken, meinem Kopf und Körper Ruhe zu geben die ich so bitter nötig habe, gerade als Single-Mom. Ich muss für mich einfach einen Weg finden, wie auch ich mir diese Zeit einfach nehmen kann ohne Arm dabei zu werden. Der einzige Punkt der mich gegenüber meinen nicht Single-Moms neidisch werden lässt, sie haben den Vater des Kindes oder ihrer Kinder an ihrer Seite um spontan Abends mal aus dem Haus zu kommen, auch wenn das Kind mal krank ist.

Am Ende des Tages …

 frage ich mich, wäre diese Sehnsucht auch da, wenn alle meine Freundinnen mit Kind im Leben stehen würden? Vermissen wir wohl immer gerade das, was wir nicht haben? Kann man auch vermissen, was man gar nicht kennt, zum Beispiel ein Kind zu haben

by Meike Kenn | H&M Nadin Wagner

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