Diese eine, ganz besondere Schauspielschulwoche

Es war Montag und ich auf dem Weg zur Schule. War mir flau im Magen! Die Autobahn war frei und ich tuckerte mit angezogener Handbremse über den Standstreifen, obwohl ich sonst ein kleiner Schumi war. Der flaue Magen war Schuld an meinem merkwürdigen Fahrverhalten, ich sag es euch.

Hausaufgabe

Nun waren einige Wochen und Monate in der Schauspielschule vergangen und ich saugte jeden Unterrichtstag in mich auf. Ich war in der Nachmittagsklasse, was hieß, Montag bis Freitag von 14:30 bis 20:00 Uhr Unterricht. Hört sich erstmal nicht viel an, aber ihr könnt mir glauben, es gab Tage und Wochen, die einen richtig fertig gemacht haben. Vor allem, wenn wir Emotionsarbeit hatten.

Wie schon erwähnt, es waren einige Monate vergangen und wir bekamen immer zum Ende einer Woche Hausaufgaben auf. Für die nächste Emotionswoche im darauf folgenden Monat mussten wir uns auf den Tanz der Grenzen- Salome vorbereiten und ich kann euch sagen, jeden von uns jagte eine Kopfgeburt nach der anderen. Salome who? Wir fragten im Jahrgang über uns nach, was genau es mit dieser Aufgabe auf sich hatte. Ich dachte wirklich, ich werde in dieser Woche kläglich versagen. Doch eigentlich wollte ich das gar nicht, ging auch irgendwie schlecht. Gruppenzwang und so, versteht ihr?

Problem 1: Mein Körper und ich…

…waren noch nie beste Freunde. Und ich hatte eigentlich auch nur so wahnsinnige Paranoia vor dieser Aufgabe, weil ich einfach nicht mit mir und meinem Körper im Einklang war. Zu meiner Schauspielschulzeit hatte ich auch noch etwas Babyspeck hier und da und ich fand es ganz furchtbar, mich anderen zu zeigen, vor allem erotisch, vielleicht sogar nackt.

Mon dieu, wie soll ich das nur schaffen? Ich betrachtete mich im Spiegel, versuchte mich ein wenig eleganter, schwungvoller, erotischer zu bewegen. So geht das nicht mit all dem Schwabble und dann drehte ich mich mit dem Rücken zum Spiegel, drehte meinen Kopf und hätte am liebsten im Strahl gebrochen, bei diesem Anblick. Nein, man ich kann das nicht! Ich glaube, ich fing sogar an zu weinen. Dann hörte ich etwas Musik und mir kamen einige Gedanken. Wahrscheinlich ist es genau das, worum es Nick geht. Kopf abschalten. In der Rolle sein. Performanz zeigen. Ich bekam ’nen richtigen Schub an positiver Energie, mir war klar, ich muss meinen Körper trainieren, um mich besser zu fühlen. Ich stellte für die nächsten drei Wochen meine Ernährung um. Es gab Cola light, Äpfel und Müsli. Worst you can do! Schrieb ich was von Training?

Nick who?

Erwähnte ich eigentlich, dass der Asiate damals vom Tag der Aufnahmeprüfung einer meiner liebsten Dozenten in der Schauspielschulzeit wurde? Nein? Dann aber hier, schwarz auf weiß. Nick, auch wenn du von uns immer der Kleinste warst, du warst doch immer der Größte.

Nick Dong-Sik ist für mich ein Mensch mit einer ganz besonderen Gabe. Einer Gabe, anderen Menschen etwas ganz besonders mit auf den Weg zu geben, das kann nicht jeder. Er ist nicht einfach nur ein großartiger Schauspieler oder gar Dozent, nein, für mich ist Nick mein ganz persönlicher Mister Miyagi. Ich muss sechs gewesen sein, als ich das erste Mal Karate Kid bei meinen Großeltern in den USA gesehen habe. Ich wollte auch immer einem Mister Miyagi begegnen. Da war er also.

Nick hatte es einfach drauf, uns emotional zu knacken. Natürlich ging das nur, wenn du offen dafür warst, durchlässig. Ganz wichtig im Spiel einer Szene, vor allem wenn es darum geht, Emotionen zu zeigen, zuzuhören. Aktion und Reaktion sind ganz wichtige Bestandteile im Spiel. Hoch- und Tiefstatus waren auch Begrifflichkeiten, die immer wieder bei Nick im Unterricht fielen.

Mittlerweile – und da bin ich sehr glücklich drüber – hat Nick sein ganzes Wissen, seine eigene Technik, in einem Buch festgehalten, das ich jedem empfehlen kann und möchte, der auch nur ein bisschen Interesse am Schauspiel hat oder schon länger im Business ist.

“Camera Acting – Das Schauspiel-Training“ ist jeden Cent wert und in meinen Augen ein absoluter Mehrwert.

Problem 2: Welche Musik?

Ich hatte in den letzten drei Wochen an nichts anderes denken können, als an diese ganz besondere Woche. Ich machte mir eine Liste mit Dingen, die ich benötigte. Ganz oben stand, die richtige Musik finden. Ich verbrachte Stunden damit, etwas zu finden. Für unser erotisches Getanze vor der ganzen Klasse brauchten wir nämlich musikalische Begleitung. Das war vorgegeben. Oh Mann, find erstmal den richtigen Song, zu dem du abgehen kannst wie’n Zäpfchen, denn auf einmal fällt dir keiner mehr ein. BadaBÄNG Köpfchen leer, alles weg von der Festplatte. Die Tage vergingen und ich wurde immer nervöser. Mittlerweile hatte ich auch eine kleine Auswahl an Songs, doch welcher sollte es am Ende sein? Das nächste Problem stand an, und während wir in den Pausen von dieser ganz besonderen Woche sprachen, fragten wir uns auch gegenseitig aus. Was ziehst du an? Welchen Song hast du ausgesucht? Ich hatte mir natürlich einen rausgesucht, den bereits eine Mitschülerin von mir verwenden wollte. Ich bin ja flexibel, so ist nicht und da wählte ich kurz vor dem Wochenbeginn spontan einen neuen Song, von Michael Bublé.

Problem 3: Was zieh ich bloß an? 

Ich schaute in meinen Schrank, 30 Minuten vergingen. Dann schaute ich in meine Kommode rein. Nichts. Es war schlichtweg nichts zum Anziehen zu finden, was ich für den Salome Tanz hätte verwenden können. Was soll ich denn bloß anziehen, menno? Ich wühlte mich wirklich Stunden durch meine Garderobe. Half alles nichts, ich muss shoppen. Ehrenstraße rauf, Ehrenstraße wieder runter. Hmpf? Also, eins steht fest, schwarz ist die Farbe, die ich tragen werde. Halterlose Strümpfe von Falke. Check. Eine Korsage von Passionata mit passendem Tanga. Check. Pumps von Buffalo. Check. Ein Blazer von Benetton. Check. Ein Hut aus einem Secondhandladen. Check. Perfekt, dachte ich, mein Outfit steht. Endlich. Mon dieu, darf ich noch mal auf den Tanga hinweisen? Ja, ich weiß, aber damals haben wir die doch alle getragen, seien wir mal ehrlich. Ihr Jungs natürlich nicht alle.

Salome Tanz der Grenzen, jetzt aber

Auto geparkt, Tasche mit Kostüm und CD gegriffen und auf gehts zur Schule. Die Vormittagsklasse saß noch in der Teeküche, natürlich fragten wir sie aus. Und? Schlimm? Wie genau geht das ganze vonstatten? Erzählt!

Wir erfuhren, dass jeden Tag nur drei von zwölf dran sind. Oh mein Gott, vielleicht bin ich heute noch gar nicht dran? Super, ich kann noch einen Tag Null-Diät machen, hervorragend. Dann erzählten uns die drei, die am Montag aus der Vormittagsklasse bereits dran waren, dass es super geil war, dass sie froh sind, es hinter sich zu haben, aber Bock hätten, gleich noch mal ’ne Performance hinzulegen.

Ah, okay. Ich hörte gar nicht mehr richtig hin, denn ich war komplett in Gedanken, soll ich eine der Ersten sein oder nicht, schwirrte mir im Kopf herum? Eigentlich bin ich immer ein Freund von die Nummer Eins sein, es verleiht mir so ’nen besonderen Kick, kennt ihr das?

Es war 14:30 Uhr und Nick kam in die Klasse. Wir saßen alle total angespannt auf unseren Stühlen. Keiner sagte mehr einen Mucks vor Nervosität. „So, dann zählt mal die Reihenfolge, in der ihr performen wollt, ab“, sagte er. Eins, zwei, drei, VIER… Ich war also Nummer Vier. Mist. Immerhin bin ich morgen die Erste, die dran ist. Wenigstens bin ich nicht die Letzte in dieser Woche. Ich verließ die Schule um 20 Uhr und war wieder so nervös wie am Morgen zuvor. Mein Herz raste bis nach Meppen.

Nun war also Dienstag und auf meinem Weg zur Schule war mir wirklich flau im Magen. Die Autobahn war frei und ich tuckerte mit angezogener Handbremse über den Standstreifen, obwohl ich sonst ein kleiner Schumi war. Der flaue Magen war Schuld an meinem merkwürdigen Fahrverhalten, ich sag es euch. Moment mal, war das nicht gestern schon so?

Auto geparkt, Tasche mit Kostüm und CD gegriffen und auf gehts zur Schule. Die Vormittagsklasse saß noch in der Teeküche, wir fragten sie natürlich wieder aus. Ich bekam von all dem nicht viel mit, da ich an dem ganzen Gebrabbel im Flur vorbei ging, um mich fertig zu machen und meine CD zu checken. Ich hatte plötzlich so furchtbare Angst, dass meine Musik nicht abspielbar sein könnte oder der Track nicht richtig auf die CD gebrannt wurde. Ich checkte vorab noch alles aus und dann war es auch schon soweit. My fucking turn. Whoop Whoop. Den Raum hatte ich leicht abgedunkelt, die Stühle in einem Halbkreis aufgestellt. Ich stand im Nebenraum und wartete darauf, dass alles im Raum waren, die Tür ins Schloss fiel und Nick auf Play drückte. Und da ertönte auch schon der erste Ton von “Feeling Good”.

Ich legte meinen ersten und krassesten Stripp vor zwölf mir fast noch fremden Menschen hin. Und es fühlte sich so Mega gut an. Ich fühlte mich so wahnsinnig stark. Zog mich zum Takt der Musik aus, tanzte Mister Miyagi an, womit er nicht gerechnet hatte, ich im Übrigen auch nicht. Ich bewegte mich wie ich mich vor meinem Spiegel zu Hause nicht bewegt hatte. Was auch immer da mit mir passierte, es war wie ein Rausch. Ich verstand nun die Aussagen derer, die bereits dran waren. Die Musik näherte sich dem Ende und ich hatte fast alles an Kleidung abgelegt, außer dem Hut. Und der Rest bleibt mein Geheimnis. Meine Mitschüler applaudierten und ich war so stolz und aus der Puste. Ich musste aus tiefstem Herzen lachen. Ich denke, es war der Druck, der sich über die letzten Wochen aufgebaut hatte.

Der Salome Tanz ist die Verkörperung idealer Schönheit und purer Erotik. Und auch, wenn ich mit mir und meinem Körper nicht im Einklang war, auch nicht nach meiner krassen Diät, als ich anfing vor meiner Klasse und meinem Dozenten zu tanzen, fühlte ich mich wie die schönste Frau auf der ganzen Welt. All eyes on me. Nick sagte mir in meinem Feedbackgespräch, dass ich den Raum mit meiner Anwesenheit gefüllt hätte. Ich war präsent, man konnte nicht anders als mir zuschauen. Ich weiß nicht, wovor ich wirklich mehr aufgeregt war. Vor dem Tanz oder dem Feedbackgespräch, welches man immer vor versammelter Mannschaft bekommen hat? Und in diesem Fall hatten wir von jedem Mitschüler etwas gesagt bekommen.

Am Ende Des Tages…

… bin ich froh, diese Erfahrung machen zu dürfen. Wer hat das schon, oder?

Wachse über deine Ängste hinaus. Selbst, wenn du glaubst, es nicht zu schaffen, du weißt es doch nicht, wenn du es nicht wenigstens probiert hast. Aufgeben ist immer der einfachste Weg, den der Mensch sich aussuchen kann. Aber ist es nicht viel befriedigender, sagen zu können, ich habe es versucht und dabei herausgefunden, dass es mir nicht liegt, als von vornherein zu sagen, ich kann das nicht?

Stuhlentspannung

Morgens früh halb … Nachmittags halb drei in Köln

Boah, nä, schon wieder ’ne Woche bei Joachim. Was wird er sich wohl diesmal ausgedacht haben? Warum auch immer, Unterrichtstage bei Joachim waren Tage mit Ups and Downs. Ich kann gar nicht mehr wirklich definieren, warum das so war? Joachim war nicht sehr groß. Hager. Von seiner Körperlichkeit ein wenig wie ein Pingpong. Er trug Dreitagebart. Hatte einen bayrischen Dialekt. Eigentlich ein netter Kerl. Nur sein Unterricht war hin und wieder eigen.

Joachim hieß uns an einem Montag herzlich willkommen und gab folgende Arbeitsanweisung: “Verteilt euch bitte mit Stühlen großzügig im Raum, so dass ihr genug Platz habt, euch zu bewegen. Wir machen heute eine Stuhlentspannung.”

Eine was? Oh no, war es etwa…? Bitte nicht! Heute bin ich gar nicht in Stimmung für so eine Quälerei. Ich wusste von dem Jahrgang über uns, dass diese Aufgabe, vielmehr Übung, nicht ohne sei und sie mit Joachim damals zwei Stunden verbracht hatten, sich auf einem Stuhl zu entspannen. Z-w-e-i Stunden. Wisst ihr wie lange z-w-e-i Stunden sind, wenn man etwas machen soll, wo man sich von vornherein gegen sträubt?


Stuhl(ver)entspannung

Und während Joachim erklärte, was wir auf dem Stuhl so alles treiben dürfen und was nicht, bekam ich immer mehr Beklemmungen. Wieso eigentlich? Lass‘ ich mich doch eigentlich immer gerne auf Dinge ein, die ich nicht kenne. Hier machte ich allerdings alle Schotten von vornherein dicht.

Was beachtet werden sollte

Wichtig ist, dass ihr bei jedem Körperteil nach ein und dem selben Muster vorgeht. Erstens, spannt die jeweilige Muskulatur an! Zweitens, haltet die Spannung für circa fünf Sekunden und löst sie dann wieder! Drittens, bewegt das Körperteil mit all seinen einzelnen Fasern auf verschiedene Weise! Das Bewusstsein soll geweckt werden. Viertens, untersucht die Körperteile auf Verspannungen und stellt euch dabei Fragen, wie:

Wo genau kommt diese Anspannung her? Bis wohin strahlt diese Verspannung?

Wie warm ist es an dieser Stelle? Wie weit kann ich die Anspannung lösen?

Welche Bewegung hilft mir am besten? Merkst du, dass emotional etwas passiert, lass‘ es fließen und gib einen langen Ton ab! Nutzt den Ton beim Ausatmen um die Verspannung zu lösen!

Stuhlverspannung, weiter gehts

Ja gut, hört sich alles nicht wahnsinnig kompliziert an. Und ich meine, hey, wir können jetzt erstmal ’ne Runde auf unserm Stuhl mit geschlossen Augen abhängen und ab und an mal „A“ machen. So, dachte ich, könnte ich drumherum kommen.

Tja, aber da hatte ich die Rechnung ohne denWirt gemacht, denn Joachim sprach aus, was keiner im Entferntesten geahnt hätte. Warum habe ich eigentlich nachgefragt? Warum nur? Was ich gefragt habe? Na ja, was wohl jeder gefragt hätte, wenn ich nicht vorgeprescht wäre: “Du, Joachim, wie lange sollen wir diese Verspannung… äh… Entspannung denn machen?” Solange bis ich euch sage, dass ihr nun zum Ende kommen könnt. “Ah, okay. Danke fürs Gespräch.” Da wollte ich schon den ersten Ton ablassen. Tat ich ein paar Minuten später auch. ‚So ein blöder Fatzke‘, dachte ich. Fängt ja gut an.

Eineinhalb Stunden ab jetzt

Da saßen wir nun alle und blinzelten hin und wieder mit den Äuglein, um zu schauen, was die anderen so machten. Irgendwann ließ ich mich wirklich darauf ein, auf die Stuhlentspannung. Joachim gab hin und wieder Anmerkungen, wie: “Du bewegst dich zu schnell. Du musst dem Reflex nachgehen. Nein, nicht einfach dies und nicht einfach jenes…” Innerlich wurde ich immer wütender und gab wirklich in immer kürzer werdenden Abständen einen Ton ab. Was eigentlich nicht Teil der Übung ist, denn du sollst Verspannungen lösen, sie nicht erzeugen. Ich fand es unfair, wenn er mich ansprach, um mir zu sagen, dass ich nicht im Fluss bin. Dann massierte er mit einem sehr unangenehmen Druck, nämlich leicht schmerzhaft, obwohl ich nicht zimperlich bin, meine Schultern. Ich gab mir doch so viel Mühe, wirklich mitzumachen, vor allem ab dem Zeitpunkt, als ich entschied, mich auf diese Übung wirklich einzulassen.

Eine mittelgroße Katastrophe 

Plötzlich ein immer lauter werdendes… nein… Schnarchen. Knaller! Ich musste so lachen. Kennt ihr das? Bestimmt. Jeder war doch schonmal in der Situation, einen Lachanfall im unpassendsten Moment zu bekommen. Wie dem auch sei, ich sah es als Emotion, die über mich hereinkam, gab einen Ton ab, und als der Lachanfall überwunden war, die nächste Katastrophe. Ein dumpfer Knall. Der Boden neben mir bebte kurz. Es war tatsächlich jemand vom Stuhl gefallen. Vom Stuhl gefallen? Abgefahren, was wird noch passieren? Gehört das so? Die Stimmung kippte, Joachim unterbrach sofort die Übung und schickte uns in die Pause.

Ich war voller Wut und wusste nicht wohin mit der ganzen negativen Emotion. Ich kam einfach nicht wieder aus der Übung raus. Es stresste mich, denn nicht einmal die kalte frische Luft draußen half mir, wieder runter zu kommen. Mein inneres Gleichgewicht war komplett neben der Spur. Der Tag war somit gelaufen.

Nach der Pause, ist vor der Pause

“Es geht weiter”, rief jemand. Boah hoffentlich… Joachim unterbrach meinen Gedankengang. “So, was genau war hier los?” Keiner sagte etwas. Joachim war sauer. Übrigens war es meine Freundin Sandra, die vom Stuhl gefallen war, hatte ich das erwähnt? Joachim fragte sie, wieso, weshalb und warum? Ich glaube, Sandra war sich selber nicht ganz im klaren darüber, wie es dazu kommen konnte. Fakt war, sie war wirklich vom Stuhl gefallen. Kann doch mal passieren, Gleichgewicht verloren, BadaBÄNG, liegst du halt da unten. So what?

In meiner Erinnerung war der Tag wirklich für alle gelaufen und wir beendeten frühzeitig den Unterricht, glaube ich. Viel wahrscheinlicher ist wohl, dass wir trotzdem noch bis 20 Uhr in der Schule gesessen hatten.

Zu Hause angekommen, googelte ich erstmal diese Stuhlverspannung, und siehe da, es war keine von Joachim ausgedachte Entspannungsübung. Lee Strasberg war der Übeltäter. Umso mehr ich mich in die Thematik einlas, umso mehr verstand ich, was Sinn und Zweck dieser Übung war und ist.

Am Ende des Tages…

…wusste ich letzte Woche bereits, dass ich über dieses Thema schreiben werde und habe doch glatt diese Übung noch mal angewendet. Ich habe mir einen Timer auf 30 Minuten gestellt. Die Zeit ging schneller rum als ich geglaubt hätte. Ich musste mich am Anfang wieder dazu durchringen, denn manchmal fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, wenn ich nicht unbedingt muss. Ich habe einfach die Zähne zusammengebissen und mich dieser Aufgabe noch mal gestellt. Und siehe da, ich war danach sehr entspannt und durchlässig, zumindest fühlte es sich so an.

Der richtige Weg

Was bedeutet eigentlich der richtige Weg?

Der richtige Weg ist doch der, den man einschlägt, weil man davon überzeugt ist, dass dies für einen persönlich der richtige ist, oder etwa nicht? Ja, ich spreche vom Lebensweg. Egal, ob beruflich oder privat, man muss immer eine Entscheidung treffen, ob bewusst oder unbewusst. Die unbewussten sind mir persönlich meistens lieber, denn mit den Jahren tue ich mich immer schwerer, die eine, die richtige Entscheidung zu treffen, zumal ich diese auch nicht mehr nur alleine für mich treffen muss, aber das ist eine andere Geschichte.

Wühlen wir doch ein wenig in der Vergangenheit herum 

In der 11. Klasse hatte ich von heute auf morgen den Drang, raus aus allem zu wollen. Raus aus dem, was mich einengt, keinen Spaß macht, nicht das fördert, wonach mir eigentlich ist. Kreativ wollte ich sein, auf der Bühne stehen und spielen, vor der Kamera stehen und spielen, malen, zeichnen, fotografieren, Musik machen. Frei sein. Kreativität leben.

Noch weiter in die Vergangenheit

Das ich Schauspielerin werde, war früh klar, also mir. Denn mein erstes Erlebnis, auf der Bühne zu stehen, hatte ich im Alter von sieben Jahren. Es war die Geschichte des Aschenputtels, in lustig. Das ist alles, woran ich mich noch erinnere und eben daran, wie ich mit stolz geschwellter Brust auf der Bühne stand und mich vor dem Publikum verneigte. Dieses Gefühl war so unbeschreiblich, dass ich es am liebsten in einer Dauerschleife bei mir führen wollte. Meine Cousins und Cousinen mussten immer mit mir irgendwelche Aufführungen inszenieren, ob sie wollten oder nicht, war mir egal, Hauptsache wir führten etwas vor und bekamen am Ende Applaus für meine Kreativität.

Zurück in die fortgeschrittene Vergangenheit 

Meine Noten in der Schule gingen ab der 11. Klasse rapide in den Keller. Ich wollte raus. Aber wie? Meine Großeltern schickten mir bereits in der 9. Klasse Anmeldeformulare der The Lee Strasberg Theatre and Film Institute, per Post. Nun gab es ja 1999 dieses Internet, auch bei mir zuhause, und so konnte ich mir dieses Institut auch mal online anschauen. Viel war auf den damaligen Pages nicht zu finden, doch schnell hatte ich die Unterlagen ausgefüllt, meinen Eltern kurz davon erzählt, was meine Pläne sind und schwups befand sich der Brief auch schon im Briefkasten Richtung New York. Ich war bestens vorbereitet.

Meine Eltern sicherlich schon in der Gestaltung eines Plans, wie sie das Kind am Besten von diesem Weg, dieser womöglichen Schnapsidee, wieder losbekommen. “Mach doch erst einmal dein Abitur und dann kannst du deinen Weg immer noch gehen, der läuft dir ja nicht weg”, so mein Vater. Ich glaube, meine Eltern machten Purzelbäume, als mir eine Sache, die ich nicht einkalkuliert hatte, passierte. Mir lief meine erste große Liebe über den Weg.

Jut, bleibe ich eben hier, mache die Schule zu Ende und gehe dann hier in Deutschland auf eine Schauspielschule. Ich quälte mich durch die Oberstufe, drehte sogar eine Ehrenrunde, bis ich wirklich alles dran gesetzt hatte, meine Zulassung zum Abitur nicht zu bekommen. Bereut habe ich es bis heute nicht, falls ihr euch das fragen solltet.

Fachabitur. Check. Was nun?

Zur Schule konnte ich nicht mehr gehen. So saß ich also wieder vor dem Computer und recherchierte Schauspielschulen in Deutschland, liebäugelte aber immer noch mit New York, die Option bestand nämlich. Doch die große Liebe war noch aktuell und ich konnte mich nicht von ihr lösen. Durch Zufall stieß ich bei meiner Recherche auf ein RTL Praktikum für eine Auftragsproduktion. Mein Vater befand sich zu dem Zeitpunkt auf Bali, als ich ihm davon erzählte und nach seiner Meinung fragte. Mein Gott, die Telefonverbindung war damals unendlich schlecht, aber er meinte so was wie “Alexia, krrrischkrrrischkrrrisch zu Hause abhängst krrrischkrrrischkrrisch nicht weißt krrischkrrisch tun sollst bewirb krrischkrrisch, bitte!” Gesagt, getan. Und zwei Wochen später saß ich also in Köln für ganze vier Monate bei meiner ersten Fernsehproduktion und fand es einfach nur stark. Viereinhalb Monate hieß es… und bitte! Ich konnte in jedes Gewerk rein schnuppern, hielt mich meist allerdings bei den Aufnahmeleitern auf. Dispo kopieren, zusammen legen, tackern, kurz vor Drehschluss verteilte ich diese am Set, wenn ich sie nicht irgendwohin faxen musste. Die Tage waren lang, die Wochenenden meist kurz. Das Geld als damalige Praktikantin ein Traum.

Och n-e-e, muss ich mich schon wieder entscheiden

Nach diesem Praktikum stand ich also wieder da und musste eine Entscheidung treffen. Hm, ich mach erstmal Urlaub. Dann jobbte ich hier und da, bis eines Tages der Produzent der damaligen Produktion anrief und fragte, was ich denn machen würde und wie meine Pläne für die Zukunft aussähen. Was auch immer ich ihm gesagt habe, er bot mir eine Lehrstelle an als Kauffrau für audio-visuelle Medien. Hm? Eigentlich wollte ich doch Schauspielerin werden. Hm? Aber ich kann ja auch erstmal die Ausbildung machen, Kontakte knüpfen und wer weiß, vielleicht brauche ich die Schauspielschule gar nicht erst zu besuchen, steige einfach quer ein. Los gehts.

In diesen drei Jahren, die keine Herrenjahre waren, wie man sprichwörtlich im Deutschen sagt, habe ich viel gelernt. Über die Menschen aus der Medienbranche, die Medienbranche an sich, den zwischenmenschlichen Umgang, den Neid, das nicht Gönnen, Freud und Leid.

Sagen wir so, ich bekam einen sehr guten Überblick über alle Bereiche, auch vom täglichen Kerngeschäft, dem Lizenzverkauf von Kinderprogramm weltweit, Produktionen für Film und Fernsehen und ich durfte eine Zeit lang das “Management” dreier Schauspieler übernehmen.

In den drei Jahren war einiges an Angebot enthalten. Das Schönste war aber, dass ich durch die Möglichkeit einen ganz tollen Menschen kennen lernen durfte, meine Ausbilderin. Für mich eine der erfolgreichsten Frauen in der Branche, wenn ihr mich fragt. Für mich eine Frau, zu der ich aufblicke, weil sie schön ist, sehr intelligent, humorvoll, sprachbegabt, Bücher ließt in einer Geschwindigkeit wie ich Pasta esse, sehr emphatisch, Business Woman durch und durch, sehr erfolgreich, denn die Zahlen stimmen bei ihr am Ende immer und trotzdem ist sie das Mädchen von nebenan geblieben, eine mit der man, beziehungsweise ich, gerne Pferde stehle.

Ihr Assistentin gewesen zu sein, war eine der schönsten Aufgaben während meiner Ausbildung zur audio-visuellen Medienkauffrau. Sie beherrschte das Chaos machen – und ich das Chaos, so waren wir eine unschlagbar effektive Kombination. Tägliches Pflichtprogramm, wenn sie ins Büro kam, erst ein Kaffee mit Milch ohne Zucker, eine Ultra Zigarette und auf dem Zweiten “Reich und Schön” anschauen.

Heute ist sie Senior Vice President von Sony Pictures Television in München. Prof. Dr. K. G. Ich danke dir für eine so tolle Zeit, für all das, was du mir beigebracht hast und dass wir nach all den Jahren immer noch den Kontakt pflegen.

Schauspielschule, ja ich will, immer noch

Ich hatte die Geschichte mit dem Schauspiel nicht aus den Augen verloren, nicht dass ihr das nach all dem Palaber hier glaubt. Ich liebe es, mich in Kleinigkeiten zu verlieren.

Wie ging es also weiter. Ach ja, die große Liebe ging vorbei, meine Ausbildung auch, hatte ich diese, man mag es kaum glauben, erfolgreich abgeschlossen und zwei Monate nachdem ich von der IHK mein Zeugnis ausgehändigt bekam, wurde ich auf der Film Acting School Cologne aufgenommen. Das ging wirklich ZackZack. Das Lustige war, ich bewarb mich an der Schule, ging zum Vorsprechen, wurde genommen. Fertig. Diese Schule war von, ich weiß nicht mehr wie vielen, die, die an erster Stelle unter Köln stand, warum sollte ich also noch woanders vorsprechen, wenn mich die erste sofort aufgenommen hatte zu der ich gerne wollte?

Aufgenommen. Check.

Es war das gleiche Gefühl, wie das, was ich als Siebenjährige damals auf meiner ersten Bühnenvorführung hatte. Es fühlte sich einfach richtig an, das ist und war einfach mein Weg und endlich habe ich es geschafft, auf ihm nach kleinen Umwegen zu gehen.

Meine Eltern standen in meinem Leben und bei meinen Entscheidung immer voll hinter mir, auch wenn sie manchmal anderer Meinung waren und ich sie dann doch vom Gegenteil überzeugen konnte, sie haben mich immer einfach machen lassen. Ich hatte ja die Schule mit immerhin Fachabitur beendet und hinterher noch eine fundierte Ausbildung gemacht, auf die ich ja immer wieder zurückgreifen könnte, wenn das mit der Kunst nicht klappt, so meine Argumentation meinem Vater gegenüber, der sich schon als mein lebenslanger Geldgeber sah, der arme. Gott sei Dank bin ich aber nie ein Mädchen dieser Sorte gewesen und wollte immer alles alleine machen und schaffen und auch selbst verdienen.

Am Ende Des Tages

Lass dich niemals von deinem Weg abbringen, denn nur du kannst für dich allein entscheiden, was dich erfüllt und glücklich macht. Du wirst nur so gut sein, wie die Leidenschaft zum deinem Beruf.